Was bleibt von der Nachhaltigkeit …

Nachhaltigkeit ist wohl – neben Social Media – das beherrschende Thema in der (Unternehmens-)Kommunikation und den involvierten Branchen. Von Public über Investor Relations bis zur stinknormalen Werbung. Das hat natürlich etwas Gutes – wenn man auch in Kauf nehmen muss, dass der Begriff ausgehöhlt und inflationär bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden wird. Es wird vielleicht mit dem „Bio-Boom“ zu vergleichen sein. Viel Trügerisches und Trittbrettkommunikation konnte letztlich nicht verhindern, dass sehr sehr viele Menschen über ihr Essen nachzudenken begannen und ganze Produktionszweige auf eine andere, wohl bessere und „nachhaltigere“ Nahrungsmittelerzeugung eingestiegen sind.

Ähnlich könnte es sich mit dem Nachhaltigkeits-Boom verhalten. Vom „Schmäh“ bis zur bewundernswert tief verankerten und gelebten Philosophie wird uns die gesamte Bandbreite geboten werden. In der Unternehmens-Kommunikation hört sich „nachhaltig positives Ergebnis“ einfach besser an als „kontinuierlicher Gewinn“, schwingt doch diese schöne nachdenkliche und verantwortungsvoll klingende Haltungskomponente mit. Dennoch: wer diese Dimensionen der Nachhaltigkeit in seinem Reden anschneidet, wird bald an seinen Taten gemessen werden. Und sich entsprechend darauf einstellen müssen – oder Glaubwürdigkeit riskieren, was sich „nachhaltig negativ“ auf Image und Geschäftserfolg auswirken dürfte.

In einem Artikel habe ich über meine durchaus positiven Eindrücke hinsichtlich einer neuen Ehrlichkeit geschrieben. Es wird auch von dem derzeitigen „Nachhaltigkeits-Gerede“ sehr sehr viel Gutes bewirkt werden. Allein schon die (teilweise erzwungenermaßen) permanente Auseinandersetzung mit dem Begriff wird das Bewußtsein schärfen und zum Nachdenken, Reflektieren anregen. Was meint ein Unternehmen wirklich, wenn es mir etwas „nachhaltiges“ verspricht? Geht es nur um die schicke Umschreibung einer zeitlichen Dimension? Oder stecken wirklich fundamentale soziale, ökologische und ökonomische Aspekte hinter den Worten und Versprechungen?

Im Bereich der Unternehmenskommunikation (Geschäftsberichte) ist hier ein Trend abzusehen, der die Wichtigkeit unterstreicht, „Nachhaltigkeit“ ernst zu nehmen: Nachhaltigkeits- / CSR-Berichte und klassische Geschäftsberichte werden zusammenwachsen. Und gemeinsam zur Beurteilung eines Konzerns und seines (Aktien-) Wertes herangezogen. Mit allen Risiken natürlich, aber auch mit allen Chancen, die ein hiermit weiter geförderter Bewußtseinsbildungsprozess mit sich bringt.

Darüber hinaus gibt es viele Unternehmen, die schon immer „nachhaltig“ agiert haben. Weil sie Verantwortung und Respekt im Umgang mit Mitarbeitern, Kunden, Aufgaben zeigten und zeigen. Weil sie mehr, anderes wollen, als einen schnellen Erfolg. Diese Unternehmen sollten sich trauen, in ihrer oft anzutreffenden Bescheidenheit etwas mehr über ihren Weg zu erzählen – kann er doch ein Beispiel und Ansporn sein für nachhaltiges Agieren, ohne Marketing-Textur. Ehrlich, glaubwürdig, authentisch.

Was bleibt von der Nachhaltigkeit … ich denke, viel. Das Thema ist bei Weitem nicht ausgereizt, auch wenn der Begriff mehr oder weniger leicht genervtes Augenrollen zu verursachen vermag. Was bleibt ist jedenfalls eine mehr und mehr kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff: was heisst das überhaupt, was bedeutet das, welche Konsequenzen hat das, meint der / die das überhaupt ernst, wie soll das denn bitte nachhaltig sein … Das sind genau die Fragen, die das Bewußtsein aller bilden können. Für mehr Respekt, Verantwortung und Besonnenheit im Umgang mit uns selbst und „unseren“ Ressourcen.

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Über DerJoerg

Beobachtungen zu den Themen Marke, Kommunikation, Leben
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2 Antworten zu Was bleibt von der Nachhaltigkeit …

  1. Hannes Offenbacher schreibt:

    Ich denke es wird auch nötig sein – wenn auch untypisch für unsere Kultur – jenen die den Begriff falsch verwenden, das auch zu sagen. Meiner Beobachtung nach zucken selbst Nachhaltigkeits-Profis nicht mehr, wenn ein Politiker oder Manager den Begriff völlig absurd und dämlich verwendet. Man schweigt und sägt damit am eigenen Ast.

    Ist es vielleicht Zeit den kommunikativen „Hackfressen“ auf die Füße zu steigen? Ich denke ja. Man kann es dann ja auch als konstruktives Feedback verstehen.

    • DerJoerg schreibt:

      Ja Hannes, das gehört für mich zu einem Bewußtseinsbildungsprozess dazu: Aufklärung, Information, auch über die Negativ-Erfahrung bzw die Erkenntnis, dass viel Gerede nur heiße Luft ist. Aber um das beurteilen zu können, muss man sich mir der Sache beschäftigen; und das ist wiederum eher gut für die, die es ernst meinen. Und Gegenrede, da bin ich Deiner Meinung, ist natürlich geboten, um eben Aufklärung und Information zu bieten… Das ist sicher konstruktiv.

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